Interview mit Niki Berlakovich: Österreich ist im Bio-Bereich europaweit Spitzenreiter
Dass der Bio-Boom trotz Wirtschaftskrise weitergehen wird, davon ist Lebensminister Niki Berlakovich überzeugt. Wichtig ist ihm auch die Unterstützung regionaler Lebensmittel. Deshalb dürfen beim Frühstück mit der Familie Produkte der Genuss Regionen nicht fehlen – vor allem jene aus dem Burgenland.
LMnet: Im Regierungsprogramm heißt es, dass österreichische Lebensmittel gestärkt werden sollen. Welche Maßnahmen werden gesetzt, Produzentinnen und Produzenten auf der einen Seite und den Lebensmittelhandel auf der anderen Seite hier ins Boot zu holen?Niki Berlakovich: Mit dem Lebensmittelhandel streben wir enge Partnerschaften an, um etwa die „Genuss Regionen“ als echte Gütebezeichnung in die Regale zu hieven. Wir wollen bei den „Genuss Regionen“ die Regionen und die Einzigartigkeit noch intensiver herausheben und auch verstärkt kommunizieren, dass es sich hier um wahre Spitzenlebensmittel handelt. Wir wollen den Handel ermuntern, dass er diese Aktion weiterträgt und den Konsumentinnen und Konsumenten diesen Mehrwert weitervermittelt.
Zentral für die bäuerlichen Produzenten sind die Konsumenten. Wir müssen den Konsumentinnen und Konsumenten bewusst machen, dass sie jeden Tag mit jedem Einkauf über den Weg unserer Landwirtschaft entscheiden. Und wenn österreichische Produkte gekauft werden, dann wird es auch eine flächendeckende österreichische Landwirtschaft geben. Wenn nur Billigprodukte von irgendwoher gekauft werden, dann wird es schwer sein für die Bauern, die Lebensmittelversorgung sicherzustellen und die gesellschaftlich erwünschten Leistungen zu erbringen.
LMnet: Wie wichtig schätzen Sie Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft ein? Welche Impulse sollten seitens der EU für nachhaltig produzierte Lebensmittel kommen?
Niki Berlakovich: Nachhaltige Landwirtschaftspolitik heißt für mich, Produktionsweisen auszubauen, die der österreichschen Bevölkerung ein Anliegen sind, wie etwa eine bewusst nachhaltige Produktion, die biologisch erzeugte Produkte forciert. Sowohl die österreichische Bevölkerung als auch die Landwirtschaft lehnen den Anbau von gentechnisch verändertem Saatgut ab, da dies mit der kleinstrukturierten Landwirtschaft, wie sie in Österreich vorherrschend ist, unvereinbar ist. Dafür werde ich auch auf europäischer Ebene kämpfen.
LMnet: Das Lebensministerium hat die Kampagne „vielfaltleben“ gestartet. Was ist der Hintergrund dieser Initiative?
Niki Berlakovich: „Biologische Vielfalt“ lautet das Erfolgsgeheimnis der Natur. Je mehr Tier- und Pflanzenarten es gibt, desto höher die Chance, dass Anpassung und Fortpflanzung gelingen und Leben weiter besteht. Das gilt beispielsweise auch für extreme Veränderungen wie den globalen Klimawandel. Die Vielfalt der Gene, Arten und Ökosysteme, sie ist die Lebensversicherung der Natur und letztendlich auch für uns Menschen. Doch sehr viele Pflanzenarten sind vom Aussterben bedroht. Um den Verlust der Biodiversität zu stoppen, hat das Lebensministerium die Kampagne „vielfaltleben“ gestartet.
LMnet: Wie können sich die ÖsterreicherInnen über Lebensmittel, die zum Teil auch schon in Vergessenheit geraten sind, informieren?
Niki Berlakovich: Eine weitere Initiative des Lebensministeriums ist die Darstellung von „Traditionellem Wissen“. Im österreichischen Register über traditionelle Lebensmittel werden traditionelle Produkte, ihre Geschichte, die Herstellungsverfahren und die spezifischen Zusammenhänge zwischen Produkten, geografischen Gebieten und dem traditionellen Wissen beschrieben. Es wird dabei ein strenger Maßstab angelegt, was unter „traditionell“ zu verstehen ist, indem von mindestens drei Generationen oder 75 Jahren ausgegangen wird. Das Register wird ständig erweitert und künftig Produkte aller Genuss Regionen sowie traditionelle Speisen, wie zum Beispiel klassische Fleischgerichte oder Speisen aus der traditionellen österreichischen Süß- und Mehlspeisenküche enthalten.
LMnet: Inwiefern gibt es Anreize für die Landwirtschaft, seltene Rassen oder nicht so ertragreiche Pflanzen zu kultivieren?
Niki Berlakovich: Viele traditionelle Lebensmittelspezialitäten haben eine große wirtschaftliche Bedeutung und tragen wesentlich zur Stärkung der kulturellen Identität einer Region bei. Den Trend zu mehr „Regionalität“ und zu traditionellen Lebensmitteln greifen die Konsumentinnen und Konsumenten auf und verlangen regionale, saisonale und qualitativ hochwertige Produkte. Mit der Initiative Genuss Region Österreich kommen wir dieser Nachfrage entgegen.
LMnet: Wie viele Produkte gibt es bereits bei der Genuss Region Österreich und wie geht es im Jahr 2009 weiter?
Niki Berlakovich: Es gibt 113 Genuss Regionen, wobei sich der Bogen von Fleisch und Fisch über Kräuter, Obst und Gemüse bis zu Käse und Honig spannt. Die bestehenden Genuss Regionen sollen ausgebaut und gefestigt werden. Die Kooperationen mit dem Handel, dem Tourismus und der Gastronomie müssen verstärkt werden. Dabei sind wir auf einem guten Weg, wir haben mittlerweile bereits über 1.800 Partner in den Regionen. „Regionalität“ ist auch für den Tourismus ein immer wichtiger werdendes Thema, daher gibt es nach dem Gastronomie-Schwerpunkt im vorigen Jahr heuer einen Tourismus-Schwerpunkt bei der Genuss Region Österreich. Damit sollen mit touristischen Aktivitäten im In- und Ausland die Genuss Regionen weiter verankert werden. Der „kulinarische Tourismus“ ist insbesondere für die Genuss Region Österreich ein neues, wichtiges Thema, aber auch eine wichtige Erweiterung des Angebots im touristischen Bereich. Hier kann sich Österreich verstärkt positionieren und neues touristisches Profil gewinnen.
LMnet: Angesichts der angespannten wirtschaftlichen Situation stagniert das Segment Bio erstmals seit Jahren. Wie sehen Sie die Zukunft der biologischen Landwirtschaft?
Niki Berlakovich: Wir hören, dass es einen Knick gibt im Kaufverhalten und dass Konsumentinnen und Konsumenten jetzt viel bewusster einkaufen, was aber nicht immer heißt, dass sie zu billigeren Produkten greifen. Ich glaube daher, dass das Thema Bio-Landwirtschaft nach wie vor ein Zukunftsthema ist. Österreich ist im Bio-Bereich europaweit Spitzenreiter. Wir haben in den letzten Jahren unseren Spitzenplatz im Biobereich weiter ausgebaut, obwohl Bio bereits ein internationaler Trend ist. Der Bio-Boom wird weitergehen, obwohl der Konsum unbestreitbar derzeit überschattet wird von der Diskussion um eine Wirtschaftskrise. Wir wollen jedenfalls die Bio-Landwirtschaft weiter fördern. Wir haben österreichweit 16,3 Prozent Bioflächenanteil an der gesamten österreichischen landwirtschaftlichen Fläche. Und es laufen derzeit Aktionen, die noch mehr konventionelle Bauern Richtung Bio-Landwirtschaft führen sollen. Ich will in jedem Fall mehr Bio-Bauern. Mein klares Ziel ist, dass wir den Tisch der Österreicher mit biologischen und mit konventionellen österreichischen Produkten decken können. Wir müssen unvermindert versuchen, so viel wie nur möglich im eigenen Land zu produzieren.
LMnet: Sie kommen aus dem Burgenland, wo es 13 Genuss Regionen gibt – wie genussvoll läuft bei Ihnen zu Hause ein Essen ab?
Niki Berlakovich: Auf unserem Frühstückstisch zum Beispiel finden sich auch Produkte aus den österreichischen Genuss Regionen, wie etwa Honig aus der „Genuss Region Rosentaler Carnica Honig“, Tee aus der „Genuss Region Mühlviertler Bergkräuter“ und selbstverständlich regionale Produkte aus den Genuss Regionen meiner burgenländischen Heimat. Obst und Früchte wie etwa Kittseer Marille, Leithaberger Edelkirsche, Südburgenländischer Apfel oder Wiesener Ananas Erdbeeren finden sich da auf unserem Frühstückstisch. Besonders genieße ich es, wenn ich am Wochenende mit meiner Familie gemeinsam frühstücke.
22.05.2009, Lebensministerium Öffentlichkeitsarbeit


